Castrop-Rauxel hat sich zu einer Hochburg für kulinarische Events entwickelt.
Neben dem traditionellen Großevent „Castrop kocht über“ (Ckü) beleben seit einigen Jahren auch die regelmäßigen Naschmärkte oder das Streetfood-Festival die Castroper Altstadt. Über Hintergründe, Trends und Perspektiven sprachen wir mit Lilli Leuthold (Leuthold’s 1910), Leon Philipp (Haus Hölter), Markus Göke (CASConcept) und Steven Wels (Stadtmarketing).
Frau Leuthold, Herr Philipp, Sie beide ziehen die Fäden hinter „Castrop kocht über“. Wie kam es dazu?
Lilli Leuthold: Ich bin da quasi hineingeboren worden. Mein Vater organisierte „Castrop kocht über“ seit ca. 1992, also fast von Anfang an. In den letzten Jahren habe ich das nach und nach übernommen. 2015 haben wir zudem das „1910“ direkt hier am Castroper Markt eröffnet.
Leon Philipp: Das ist bei mir ganz ähnlich: Meine Eltern haben 2016 das Haus Hölter übernommen, und ich bin während meines Studiums in den Betrieb reingerutscht. Mit Haus Hölter sind wir auch schon lange als Gastronomen bei Ckü dabei. Seit vier Jahren bin ich nun auch als Mitveranstalter aktiv und kümmere mich zudem um das Castroper Weihnachtsdorf sowie neue Formate wie den Pop-up-Biergarten Moselbachschänke in Waltrop.
Castrop-Rauxel hat eine hohe Dichte an kulinarischen Events. Herr Göke, Herr Wels, täuscht der Eindruck, und falls nein, wie kommt das?
Markus Göke: Der Eindruck ist korrekt. Wir haben als Werbegemeinschaft ein originäres Interesse daran, die Innenstadt zu beleben. Das gelingt heute nicht mehr durch die Suche nach dem nächsten großen Kaufhaus, sondern über Lebens- und Aufenthaltsqualität durch Gastronomie und Veranstaltungen. Von Mai bis August ist gefühlt jedes Wochenende etwas los, was auch Menschen von außerhalb überzeugt, nach Castrop zu kommen. Besonders der Marktplatz ist ein Juwel, das wir uns perspektivisch sogar dauerhaft autofrei und durch Gastronomie bespielt vorstellen könnten.
Steven Wels: Genau, das Stadtmarketing unterstützt hier an allen Ecken. Wir haben rein städtische Events wie die Kirmessen, arbeiten aber eng mit CASConcept bei den Night-Shoppings oder den Naschmärkten zusammen. Es geht darum, Synergien zu nutzen – etwa beim Equipment, das wir gemeinsam verwenden, um Kosten zu sparen. Formate wie die „Blaulichtmeile“ für 2027 oder das Pferderennen auf der Rennwiese zeigen, dass wir immer nach neuen Themen suchen, um die Stadt zu beleben.
Besteht da nicht die Gefahr, sich gegenseitig das Wasser abzugraben? Worin unterscheiden sich die einzelnen Kulinarikformate wie Ckü, Naschmarkt und Streetfood-Festival?
Leon P.: Ckü ist DAS Stadtfest in Castrop-Rauxel, ein Festival mit großer Bühne und enormer Strahlkraft über die Stadtgrenzen hinaus. Da kommen über die Tage verteilt 15.000 bis 20.000 Menschen. Mittwochs haben wir die „White Night“, die so populär ist, dass wir den Zutritt auf 4.000 Personen begrenzen und kontrollieren müssen.
Markus G.: Der Naschmarkt hingegen, eine Idee aus der Corona-Zeit, hat eher einen Feierabendcharakter. Wir starten um 17 Uhr; viele kommen direkt nach der Arbeit auf ein Bier und eine Kleinigkeit zu essen vorbei. Es ist kleiner, intimer, mit etwa 600 bis 800 Besuchern und konzentriert sich auf lokale Gastronomie, allesamt Mitglieder von CASConcept. Ckü ist ein fünftägiges Event, ein Naschmarkt dauert nur vier Stunden.
Steven W.: Das Streetfood-Festival ist das Nachfolgeformat der Beach Food Days bzw. vorher Beach Day, existiert in dieser Form erst seit 2023 und wird seitdem komplett von einem externen Dienstleister organisiert und bespielt. Hier ist auch keine lokale Gastronomie involviert. Dennoch würde ich behaupten, dass die umliegenden Lokale wie „1910“ oder Extrablatt, eigentlich die ganze Innenstadt massiv von den Besuchern profitieren, die wegen des Festivals in die Altstadt kommen.
Wo knirscht es denn auch mal bei der Organisation?
Markus G.: Die Bürokratie ist teilweise brutal. Letztes Jahr hatten wir extreme Sicherheitsauflagen wegen der allgemeinen Gefährdungslage, was uns fast die Kalkulation gesprengt hätte. Zum Beispiel mussten Sperren an allen fünf Tagen rund um die Uhr von zwei Personen bewacht werden. In anderen Städten wie Essen hat das schon zu Veranstaltungsabsagen geführt.
Lilli L.: Da kommen schnell mal fünfstellige Beträge an Zusatzkosten auf uns Veranstalter zu.
Leon P.: Ja, bei einem Auftritt von DJ Moguai brauchten wir plötzlich 35 Securitys, mittlerweile reichen 12. Manchmal fragt man sich, welchen Regeln diese Entscheidungen folgen, aber die Kommunikation mit dem Ordnungsamt ist mittlerweile sehr gut und auf Augenhöhe. Wir können Dinge oft auf kurzem Dienstweg klären, wie den Aufbau einer Bühne am Sonntag.
Welche kulinarischen Trends beobachten Sie aktuell?
Markus G.: Mein Eindruck ist, dass vegetarische und vegane Angebote immer stärker nachgefragt und angenommen werden.
Leon P.: Qualität ist das A und O. Es gibt besonders durch Social Media kurzlebige Trends und Hypes wie Matcha-Tee oder Pistazien-Croissants. In Großstädten machen Pop-up-Stores damit zwei Jahre den Umsatz ihres Lebens. Und danach ist das Thema wieder durch. Wir nehmen solche Trends wie Matcha, Espresso- oder Pornstar-Martini zwar punktuell auf, um jüngere Leute anzusprechen, aber am Ende zählt in Castrop ein konstantes, qualitativ hochwertiges Angebot und ein ehrliches Konzept.
Ein Blick in die Zukunft: Worauf können sich Besucher im nächsten Jahr freuen, oder was wünschen Sie sich?
Leon P.: An den Grundpfeilern von Ckü mit „White Night“ am Mittwoch und dem Auftritt der Band „Seven Cent“ am Samstag wird sich vermutlich nichts ändern. Der Sonntag war bisher immer der schwächste Tag. Den haben wir diesmal anders geplant mit einer Open-Air-Pilates-Session am Vormittag, dem Auftritt verschiedener Tanzgruppen und der Wiedereinführung des Feuerwerks am Abend, begleitet von einem DJ und einem Saxophonisten. Das meiste kam gut an und wird wahrscheinlich auch im nächsten Jahr wiederholt.
Lilli L.: Ich wünsche mir, dass wir das aktuell hohe Niveau halten. Wir brauchen Leute, die wirklich daran interessiert sind, die Qualität der Feste weiter zu steigern, statt nur mehr Events zu machen.
Markus G.: Die Innenstadt wird sich wandeln. Wir müssen schneller sein als andere Kommunen und die Altstadt als Oberzentrum durch Gastronomie und neue Nutzungskonzepte wie Wohnen oder Dienstleistungen lebendig halten. Das Ziel ist eine Stadt, in der man sich gerne aufhält.
Steven W.: Für 2027 planen wir zum 150. Jubiläum des Löschzugs ein großes Blaulicht-Familienfest in der ganzen Stadt. Aber mein kurzfristigster Wunsch ist immer: gutes Wetter! Man kann die besten Künstler buchen. Wenn es regnet, wird es für alle zum Verlustgeschäft.